Ausstellungserweiterung für blinde und sehende Menschen

Fünf neue Architekturmodelle im Museum Nikolaikirche machen blinden sowie sehenden Gästen die Architektur dieses Baudenkmals im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich. 

Als feste Bestandteile der Dauerausstellung des Museums ermöglichen die hochwertigen 3-D-Modelle allen Interessierten, sich ein Bild von der äußeren Gestalt des Bauwerks und seines Innenraumes zu machen. Dabei erschließt sich an zwei Standorten in der Kirche detailliert die Verbindung von Ästhetik und Funktionalität der einzelnen Architekturelemente.

„Das Stadtmuseum Berlin öffnet und professionalisiert sich zunehmend im Bereich Inklusion und Barrierefreiheit”, sagt Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums Berlin. „Damit Inklusion ein selbstverständlicher Bestandteil aller Häuser und Angebote des Stadtmuseums Berlin wird, dient dieses Projekt im Museum Nikolaikirche auch dazu, wertvolle Erfahrungen für zukünftige Dauer- und Sonderausstellungen zu sammeln.“

Eine wichtige Motivation für die Entwicklung der Ausstellungserweiterung ist es, inklusive Zugänge zu schaffen, dadurch insbesondere der Zielgruppe blinder und sehbehinderter Menschen die Erschließung der Ausstellung zu erleichtern und ihnen so die Teilhabe am kulturellen Erlebnis des Museumsbesuchs zu ermöglichen. Bereits 2015 begann eine Arbeits- und Planungsgruppe damit, Inhalte zur Nikolaikirche für blinde und sehbehinderte Menschen zu erarbeiten, dafür neue, taktile Materialien zu erstellen und diese im Rahmen von Tastführungen zu erproben. Aus diesen Erfahrungen konnten nun in einem ersten Schritt Ideen zur langfristigen Erweiterung der Dauerausstellung umgesetzt werden.

Die neuen Architekturmodelle für die Dauerausstellung sind ausdrücklich für alle Besucherinnen und Besucher des Museums gedacht. Sie bieten einen hohen Mehrwert an Eindrücken, Erkenntnissen sowie ein im Wortsinn begreifbares, attraktives Erlebnis für große und kleine sowie sehende, sehbehinderte und blinde Gäste.

In demselben Sinn inklusiv, also für alle, sind auch die beschreibenden Erklärungen, die über den Audioguide die Modelle erläutern. Sie leiten sowohl die tastenden Hände blinder Menschen wie auch den durch die detaillierte Beschreibung geschärften Blick Sehender entlang der Modelle. So geben sie allen Gästen ausführliche Orientierung an den Modellen sowie vertiefende Erläuterungen und historische Kontexte.

Zielgruppe mitbeteiligt

Die Entwicklung und Optimierung dieser Ausstellungserweiterung fand in enger Zusammenarbeit mit einer Fokusgruppe von sechs blinden bzw. sehbehinderten Berlinerinnen und Berlinern statt. Die Fokusgruppe wurde von Beginn an einbezogen, um das Projektvorhaben, die Themenauswahl und die Entwürfe für die Modelle zu prüfen und zu diskutieren. In regelmäßigen Treffen blieb sie über den gesamten Projektverlauf daran beteiligt, die immer konkreteren Ausarbeitungsschritte bis hin zur Umsetzung der Tastmodelle zu testen und diese so gemeinsam zu entwickeln. Die partizipative Arbeitsweise mit der Fokusgruppe garantierte eine hohe Qualität der Ergebnisse. So ist sichergestellt worden, dass die vermittelten Inhalte und die Nutzung der Modelle selbst optimal an die Bedürfnisse dieser Zielgruppen angepasst werden konnten.

Das Projekt ist die erste Erweiterung im Museum Nikolaikirche für diese Zielgruppe und ein Pilotprojekt beim Stadtmuseum Berlin. Weitere Schritte zur inklusiven Erschließung und Erweiterung der Dauerausstellung im Museum Nikolaikirche sind bereits angedacht. Dazu zählen die audiodeskriptive Überarbeitung des bestehenden Audioguides und Erschließungsstationen für weitere Themenbereiche der Dauerausstellung.

Erfolgreiche Zusammenarbeit

Mit initiiert und begleitet wurde das Projekt von Studentinnen des berufsbegleitenden Masterstudiengangs Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Die Zusammenarbeit kam auf Initiative der vier Studentinnen Laura Kreisel, Katharina Kruck, Jessica Schmidt und Eva Schreiber zustande, die nach einem geeigneten Ort suchten, um im Rahmen ihrer Studienprojektarbeit eine Tastausstellung für blinde Menschen in einer denkmalgeschützten Kirche zu entwerfen. Die Projektarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Studienganges Schutz Europäischer Kulturgüter. Ziel ist es, in Kleingruppen ein selbstentwickeltes Projekt im Bereich der Denkmalpflege über alle Projektphasen zu erfahren, zu steuern und zu bewerten.

Die Vorstellungen der Studentinnen für mögliche Tastmodelle in der Ausstellung des Museums Nikolaikirche deckten sich bereits in Teilen mit den lange anvisierten Vorhaben des Stadtmuseums Berlin. So wurden sie durch neue Impulse ergänzt und gemeinsam weiter entwickelt. Dadurch hatten die Studentinnen an der Konzeption des Projektes und den Vorrecherchen zur Umsetzung einen ganz wesentlichen Anteil. Diese Zusammenarbeit verlieh dem bestehenden Vorhaben des Stadtmuseums Berlin nicht nur neuen Schwung, sondern auch einen konkreten Zeithorizont, indem die Zeitschiene zur Planung und Umsetzung auf die Dauer des Studienprojekts von Sommer 2018 bis März 2019 ausgerichtet wurde.

Für die technische Planung und Produktion der Modelle arbeitete das Stadtmuseum Berlin mit der Inkl. Design GmbH, Agentur für inklusive Gestaltung, zusammen. Sie ist als Inklusionsmacherin darauf spezialisiert, die kulturelle Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderungen zu ermöglichen.

Bildnachweis: Stadtmuseum Berlin, Thomas Meter

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